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Rubrik: Comic

The Boys (1): Spielverderber

Garth Ennis, Darick Robertson
Wildstorm / Panini Comics
144 Seiten
EUR 16,95

Titelbild: The Boys (1): Spielverderber

Dass es Superhelden gibt, welche den Superschurken Einhalt gebieten, ist ja an und für sich nichts Schlechtes. Bei näherer Betrachtung sind es jedoch in der Regel Amateure, die — allein aufgrund der Tatsache, dass sie übernatürliche Kräfte besitzen — das tun, was eigentlich gut ausgebildeten Spezialisten überlassen bleiben sollte.
 
Garth Ennis, der nie einen Hehl daraus machte, klassische Superhelden nicht zu mögen, setzt da noch einen drauf: In seinem Szenario sind die meisten Superhelden nicht nur Amateure, denen gefährliche Fehler gleich reihenweise unterlaufen, sondern obendrein noch dekadente, triebhafte und strunzdumme Figuren mit den Allüren (und den Einkünften) von Popstars.
Damit so eine prominente, aber eben auch gemeingefährliche Bande nicht gänzlich aus dem Ruder läuft, braucht es Leute, die ein Auge auf die selbsternannten Helden haben und ggf. den einen oder anderen abservieren — und genau das sind The Boys.
 
Zugegeben, auch mir sind die meisten Superhelden exakt so suspekt, wie in mehr oder weniger bunte Kostüme gehüllte Hobby-Polizisten mit schwer einschätzbaren Fähigkeiten eigentlich jedem geistig gesunden Menschen sein sollten. Trotzdem, beziehungsweise gerade deshalb, habe ich ein Problem mit Ennis´ Story.
Denn zum einen wirkt sein Bemühen, die Superhelden als Widerlinge darzustellen recht aufgesetzt. Es genügt hier nicht, sie als exzentrische Amateure darzustellen, sondern es wird tief in die Kiste menschlich-moralischer Abgründe gegriffen und das Ganze in Wort und Bild genüsslich ausgewalzt.
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, Ennis halte seine Leser entweder für begriffsstutzig oder betreibe Effekthascherei, welche von der ansonsten eher mauen Story ablenken soll.
 
Tatsächlich ist der Plot eine typische Rächer-Ballade, in der psychopathische Opfer gegen psychopathische Täter antreten. Grautöne werden — zumindest in diesem ersten Band — nur angedeutet.
Dass sämtliche Charaktere auf beiden Seiten gehörig einen Sprung in der Schüssel und dank einer obskuren Droge übermenschliche Kräfte haben, macht die Konstruktion nicht geschickter: Irgendwann unterscheidet man die Gruppen nur noch dadurch, dass die einen schwarze Anzüge und die anderen bunte Kostüme tragen.
 
Zeichnerisch bewegt sich das Ganze dafür in der gehobenen Mittelklasse. Darick Robertson schafft den Spagat zwischen seinem individuellen und einem mit der breiten Leserschaft kompatiblen Zeichenstil und kann Stereotypen besonders bei Mimik und Gestik der Charaktere umschiffen. Bei den Hintergründen trumpft er allerdings eher dann, wenn das Motiv starke Kontraste erlaubt, denn ansonsten wirken die Kulissen schnell steril.
 
Fazit: Die Grundidee hat ein Potential, dass leider im ersten Band nicht ausgeschöpft wird. Sicher müssen erst einmal die grundlegenden Charaktere eingeführt werden, aber bereits hier wird durch allzu viel Zynismus viel verschenkt. Ohne echte Sympathieträger kann eine Story nun einmal nicht funktionieren, und wenn man nur die Wahl zwischen extremen Grobianen und jammernden Nerds hat, fällt es schwer, welche zu finden.

Martin Hoyer, 14.12.2007