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Rubrik: Comic

100% Marvel (27): Moon Knight (1) - Ganz unten

Charlie Huston, David Finch
Marvel / Panini Comics
156 Seiten
EUR 16,95

Titelbild: 100% Marvel (27): Moon Knight (1) - Ganz unten

”Moon Knight” wurde ursprünglich im Jahr 1975 geschaffen, um die Seiten der Serie ”Werewolf by Night” mit einer neuen, faszinierenden Gestalt zu bevölkern und erhielt nach weiteren Gastauftritten schließlich eine eigene Serie und Miniserien, die nach dem Jahr 1996 allerdings in Vergessenheit gerieten.
Er reihte sich damit in die Reihe der maskierten Rächer ein, die mit Hilfe alter Göttermacht und der eigenen körperlichen und geistigen Fähigkeiten Jagd auf Verbrecher und andere böse Buben machten. Dabei gingen sie längst nicht mehr so harmlos vor wie ihre moralisch integeren Kollegen vor, sondern brachten auch schon einmal den einen oder andere Menschen um.
 
Obwohl Marc Spector als Moon-Knight eine weiße Verkleidung trägt, ist seine Vergangenheit alles andere als rein. Nach seiner unehrenhaften Entlassung aus dem Militärdienst wurde er zum Söldner und nahm auch die dreckigsten Aufträge an. Zusammen mit seinem Partner Buschman wurde er zu einem der berüchtigsten käuflichen Killer. Die Skrupel und seine Menschlichkeit warf er dabei über Bord. Bis zu dem Tag an dem er der schönen Marlene Alraune begegnete, deren Vater gerade eine Ausgrabung erfolgreich beendet hatte.
Obwohl er den Archäologen und die junge Frau eigentlich hätte liquidieren sollen, entschied er sich dagegen und stellte sich gegen seinen Partner. Die Umstände wollten es, das er bei den nun folgenden Kampf schwer verwundet und von Eingeborenen sterbend in den Tempel eines geheimnisvollen Gottes gebracht wurde. Und dort ging er mit dem alt-ägyptischen Mond- und Rachegott Khonshu eine Allianz ein. So wurde er zum Priester und Krieger im Dienst der Rache.
Über viele Jahre übte er sein Amt aus, doch das liegt inzwischen lange hinter Mark Spector. Da er sich immer wieder gegen Khonshu stellte entzog ihm der Gott schließlich seine Gunst und ließ den ehemaligen Söldner als seelisch und körperlich verkrüppeltes Wrack zurück, das mit seinem Schicksal hadert und sich in sein zerfallendes Haus zurück gezogen hat.
Nur noch der Gedanke, seine Freunde und Mitkämpfer zu enttäuschen, wenn er sich so einfach davon stiehlt, hält ihn noch am Leben. Doch er ist zu stolz, um den Mondgott um Gnade und erneute Aufnahme in seine Gunst zu bieten.
Andere haben jedoch nicht vergessen, was er einst war und beschließen den Moon Knight zu liquidieren, so lange er noch schwach und hilflos aus. Deshalb senden sie besondere Attentäter aus, um ihn zu vernichten, und seine Freunde noch dazu. Nichts und niemand soll sich noch an ihn erinnern ...
 
Viele Rächer der Nacht müssen sich wohl an Batman messen lassen, auch wenn sie auf den zweiten Blick nur die Tageszeit gemein haben, in der sie normalerweise auftreten. Moon Knight ist eher ein dunkler Superheld, dessen Methoden nicht gerade das Leben achten und der vor allem für die Ausübung des Gedankens der Rache lebt.
Und auch wenn er dies von seinem Wesen her gerne tut, so macht ihn seine Geschichte sehr menschlich. Eingebettet in das Selbstmitleid und die Verzweiflung Marc Spectors sind die Erinnerungen an sein früheres Leben vor dem Dienst für Khonshu und später im Schatten des Mondgottes. So wird man geschickt in den Hintergrund des Moon Knight eingeführt und erhält gleichzeitig einen Einblick in die derzeitigen Lebensumstände des Helden, der noch nicht ahnt, was auf ihn zukommen wird. Und Bei genauem Hinsehen entpuppen sich die Blicke in die Vergangenheit auch als Schlüssel für das Verhängnis, das ihn erwartet.
Die Geschichte ist geschickt aufgebaut. Erinnerungen und Gegenwart fließen immer wieder ineinander und erhöhen so die Spannung, bis es schließlich zu einem Showdown kommt, in dem Marc Spector seine Schwäche überwinden muss, um wieder das zu werden, was er einmal war. Denn nur so kann er seine Freunde und sich wirklich retten. Aber dafür muss er sich seinen größten Ängsten und gefährlichsten Feinden stellen.
Das geschieht zwar in düsteren, aber auch sehr dynamischen Bildern von gleichbleibend guter Qualität und einer angenehmen Farbgebung, die die mystisch düstere Atmosphäre des Comics noch vertieft. Positiv ist auch zu vermerken, dass man absolut keine Vorkenntnisse haben muss, um Handlung und Figuren zu verstehen — zumindest in diesem Band spielt der Mythos des Marvel-Universums noch keine Rolle.
 
Das macht ”Moon Knight” zu einem angenehm unabhängigen Superhelden-Comic, den man auch lesen kann, wenn man sich sonst eigentlich mehr für Mystery-Comics mit Goth-Einschlag interessiert.

Christel Scheja, 13.08.2007