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Rubrik: Sachbuch

Die missbrauchte Hauptstadt - Hitler und Berlin

Thomas Friedrich
Propyläen
ISBN 978-3-549-07196-0
624 Seiten
EUR 26,00

Titelbild: Die missbrauchte Hauptstadt - Hitler und Berlin

Man mag sich kaum vorstellen wie Berlin heute aussehen würde, hätte Hitler seine Pläne bezüglich der neuen Reichshauptstadt verwirklicht: ein überdimensionierter Triumphbogen, eine protzige Reichskanzlei und monumentale Heroenfiguren hätten das Stadtbild von Berlin für immer verändert. Schon 1937, vier Jahre nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten, machte er seinen Lieblingsarchitekten Albert Speer zum Generalbauinspekteur und gab die völlige Umgestaltung der Berliner Innenstadt in Auftrag. Zu den umfangreichen Baumaßnahmen, die auch den Abriss von zahlreichen Wohnungen von Berliner Juden zur Folge hatten, gehörte zu Beginn die Gestaltung der Neuen Reichskanzlei binnen eines Jahres.
In Berlin hatte der Aufstieg Hitlers vom erfolglosen Künstler und Anhänger der Reichswehr zum Diktator und Führer der Nationalsozialisten begonnen, und nun sollte die neue Welthauptstadt ”Germania” in kürzester Zeit gewaltsam aus dem Boden gestampft werden.
Berlin war Ort der NSDAP-Parteizentrale, Ausgangspunkt für antisemitische Attacken, die Judendeportationen und Platz für die Massenaufmärsche. Später plante Hitler von Berlin aus den ”totalen Krieg” und setzte seine Expansionspläne in Gang.
 
Thomas Friedrich behandelt nun in ”Berlin – die missbrauchte Hauptstadt” dieses brisante Thema. Detailliert beschreibt er das Verhältnis Hitlers zu Berlin, welches, so der Autor, auch zwiespältig sei – eine ”Hassliebe”. Erste Eindrücke von Berlin sammelte der spätere Führer bereits 1916, dann folgt Etappe auf Etappe.
Ausführlich geht Friedrich auch auf die Biographie Hitlers ein, sowie seine Karriere in der Armee und seinen schnellen Aufstieg in der NSDAP. Das Ergebnis ist eine Behandlung der Verbindung zwischen einer Person und einer Stadt, die in dieser umfassenden Form und Ausführlichkeit ihresgleichen sucht. Ein umfangreiches Quellenverzeichnis legt Zeugnis über die Recherchen ab, die dafür nötig waren. Die übersichtlich gegliederten Kapitel werden immer wieder durch Bildtafeln unterbrochen, welche die geschichtlichen Ereignisse und Ausführungen des Autoren illustrieren.
 
Das Buch könnte ein Standardwerk zu diesem – Womöglich aus falscher Pietät heraus? – bisher verblüffend wenig behandelten Abschnitt der Berliner Geschichte werden. Inhaltlich lohnt sich das Ganze für jeden Geschichtsinteressierten, allerdings bemüht sich Friedrich nicht durchgängig um Verständlichkeit für jedermann, womit sich der Band passagenweise eher an Leser mit akademischen Hintergrund richtet. Zumindest dürfte schwer enttäuscht werden, wer eine eingängige Aufbereitung im Stile einer Dokumentation von Guido Knopp erwartet. Es wäre müßig zu diskutieren, ob dies im Rahmen einer populärwissenschaftlichen Behandlung so gewollt sein kann – wer es hinzunehmen bereit ist, wird mit einer gründlichen und interessanten Behandlung des Themas belohnt.

Antje Konopka, 02.06.2007