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Rubrik: Sachbuch

Plötzlich diese Übersicht

Jörg Heiser
Claassen Verlag
ISBN 978-3-546-00402-2
368 Seiten
EUR 22,00

Titelbild: Plötzlich diese Übersicht

Es gibt mehr Museen, mehr Kunstmessen, mehr Biennalen, mehr Kunstinteressierte, mehr Künstler, mehr Werke von allem gibt es mehr: denn der Kunstmarkt boomt. Da wagt Jörg Heiser, deutscher Chefredakteur der britischen Kunstzeitschrift ”frieze” und Autor der Süddeutschen Zeitung den Versuch der Klärung, was gute zeitgenössische Kunst ausmacht.
”Plötzlich diese Übersicht” heißt sein kürzlich im Claassen Verlag erschienenes Buch, inspiriert durch den Titel einer Arbeit von Peter Fischli und David Weiss aus dem Jahre 1981, eine Serie von 200 derben Tonskulpturen.
Der aufwändig gestaltete Band über zeitgenössische Kunst präsentiert sich zwar als Paperback-Taschenbuch, allerdings auf Wertpapier gedruckt und mit einem Einband in ”MoMA”-Pink und mit Glanzaufdruck – Noblesse oblige.
 
Wie unterscheidet sich gute Kunst von Schrott, welche Kriterien gibt es für Kunst, die sich nicht einmal auf Malerei, Graphik und Bildhauerei, sowie Fotografie, die klassischen Strömungen/Richtungen der Kunstgeschichte beschränkt, sondern alles mit einbezieht: Performance, Videokunst, bis hin zu komischen Elementen.
Heiser widmet sich noch weiteren bedeutsamen Fragen: Wie bewahrt die Kunst ihre Autonomie gegenüber der Unterhaltungskultur? Ist Kunst gleich gut, weil Millionen von Besuchern sie sehen wollen oder Investoren Millionen von Dollar für Werke bezahlen? Steigt der ästhetische Wert eines Kunstwerkes mit seinem Auktionswert?
Heute zählen die Kriterien vergangener Kunstepochen nur noch wenig; malt heute ein Künstler gegenständlich mit Beachtung von Komposition, Farblehren und Perspektive findet er wahrscheinlich keine Beachtung mehr.
Oder etwa doch?
 
Seit der ”Leipziger Schule” mit dem Kunsthelden Neo Rauch ist auch gegenständliche Malerei wieder in. Aber wie lange noch? Die Künstler befreien sich immer schneller von den grad noch aktuellen Werken. Wo man Kunst in Kunstströmungen einteilt, bewegen sich die Künstler irgendwo dazwischen oder erfinden etwas völlig Neues.
Heiser versucht hier eine Übersicht zu gestalten, wo es eigentlich keine gibt. In vier Kapiteln übersichtlich in Unterkapitel unterteilt, beschäftigt er sich mit Künstlern, welche die zeitgenössische Kunst weitergebracht haben oder noch weiterbringen könnten, garniert mit zahlreichen Farbabbildungen. Die Biographien der Künstler bleiben ausnahmsweise außen vor, im Mittelpunkt stehen stattdessen die Werke und wie sie auf den Betrachter wirken. Ebenso rückt das Medium (wie Fotografie, Malerei, Skulptur u.a.) in den Hintergrund, und die Akzente verschieben sich zur Methode und zur Situation.
 
Heiser packt alle Kunst in einen Band, oder zumindest versucht er dies mit einigem Erfolg. Haltungen, Ideen und Methoden stellt Heiser nebeneinander und Bezüge dazwischen her. Dabei wagt er auch einen Ausblick wie sich die heutige Kunst weiterentwickeln könnte.
Die lebendige, bildhafte Sprache passt zu den Bildern, ist dabei nicht immer sofort verständlich, aber immer interessant. Kurz: Ein Buch für Interessierte, die sich mehr mit den Inhalten der heutigen Kunst beschäftigen wollen und sich noch zu fragen trauen, was die Aussage des Objekts sein könnte.

Antje Konopka, 20.04.2007