Ihr Internetführer in Sachen Phantastik.

Rubrik: Belletristik

Star Wars: Die Verschollenen

Timothy Zahn
Blanvalet
ISBN 978-3-442-36740-5
562 Seiten
EUR 12,00

Titelbild: Star Wars: Die Verschollenen

Nimmt man es genau, dann war es Timothy Zahns erste Thrawn-Trilogie, die vor rund 15 Jahren eine wahre Flut von Romanen einläutete, die das aus den Filmen bekannte Star-Wars-Universum nach allen Seiten erweiterten, abrundeten und Lücken füllten. Natürlich gab es frühere Ansätze, aber wer der Wahrheit zur Ehre gereichen möchte, muss zugeben, dass es Zahn war, der im literarischen Bereich den entscheidenden Anstoß gab.
Leider gelang es ihm nicht, diesen Coup zu wiederholen, denn die ”Hand-von-Thrawn”-Trilogie erfüllte die hohen Erwartungen nicht. Zwar waren es solide Romane, aber es fehlte ihnen das gewisse Etwas, dass die Vorgänger ausgezeichnet hatte.
 
Leser, die nicht (immer) auf die deutschen Veröffentlichungen warten, ahnen bereits, woraus es hinausläuft: Leider ist auch ”Die Verschollenen” nicht das Gelbe vom Ei. Wieder ist der Roman zwar weit davon entfernt, schlecht geschrieben zu sein, aber wieder schafft er es nicht, an die frühere Brillanz anzuknüpfen — oder auch nur die oberste Messlatte des Expanded Universe zu erreichen, die nicht nur Zahn selbst, sondern auch andere inzwischen recht hoch angelegt haben.
 
Dabei ist der Ansatz vielversprechend: Mara und Luke werden von den Chiss eingeladen, welche die Schiffe des vor 50 Jahren verschollenen Extragalaktischen Flugprojekts gefunden haben, die Thrawn damals im Auftrag des Imperators abfing.
Leider ist die komplette erste Hälfte des Romans einer eher langatmigen Cluedo-Variante gewidmet, in der Luke Skywalker und seine Frau Mara Jade versuchen, die vielen kleinen Intrigen an Bord des Chiss-Schiffes zu durchschauen. Denn neben ihnen gibt es noch zwei weitere Parteien – darunter das neue Imperium – die Interesse an dem Fund haben, und auch die Chiss scheinen untereinander nicht einer Meinung zu sein, was die Mission angeht. Leider bleibt die Aktion stets beim unbekannten Gegner, während die Reaktion der Protagonisten sich auf das Formulieren von Theorien beschränkt. Diese Anlehnung an das Krimi-Genre vor dem Hintergrund von Star Wars mag zwar seine Reize haben, aber leider versäumt es Zahn, den Leser selbst miträtseln zu lassen und serviert ihm alle Schlüsse auf einem Silbertablett. Da man auch schnell merkt, bei welchen Charakteren die Sympathien der Leser liegen sollen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis man den Gegner kennt und sich nur noch fragt, wann es auch die Protagonisten endlich bemerken dürfen.
 
Doch bis dahin ist es ein weiter Weg, und erst in der zweiten Hälfte des Romans kommt Bewegung in die Handlung, als man nämlich die Wracks des Extragalaktischen Flugprojekts findet, die teilweise in einen Asteroiden eingegraben sind. Auch dort geht das Rätselraten noch ein Weilchen weiter, aber wenigstens dürfen die handelnden Personen nun parallel dazu auch aktiv werden.
Und dann kommt der Punkt, wo man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass nun auch Zahn gemerkt hat, dass es so nicht weitergehen kann. Leider gibt es einen klassischen Fall von Hyperkompensation: Auf dem letzten Drittel wird ein wahres Feuerwerk an Action-Szenen abgefeuert, die leider in ihrer Kumulation ebenso ermüden und sich auf den letzten Seiten sogar in etwas versteigen, dass man nur als Hommage an diverse Buddy-Klamotten verstehen kann. In bester, aber leider deplatziert wirkender Lethal-Weapon-Manier kämpfen und kalauern sich Luke und Mara durch eine Nummern-Revue an gefährlichen Situationen, als sie das Finale quasi im Alleingang bewältigen.
 
Das Ganze ist auf ganzer Länge bemerkenswert gut geschrieben und ab der zweiten Hälfte bestechend unterhaltsam, aber insgesamt gleichzeitig auch unbefriedigend. Wo bleibt der große Rahmen, in dem jedes noch so unscheinbare Puzzleteil irgendwann seinen Platz findet? Wo sind die Widersacher, die eine Aura glaubwürdiger Bedrohung besitzen und nicht nur Kanonenfutter darstellen? Warum fehlen neue Charaktere, die das Potential haben, einen dauerhaften Platz im Herzen der Leser und in der Besetzungsliste des Star-Wars-Universums einzunehmen?
 
Ein weiterer Wermutstropfen in der deutschen Veröffentlichung ist die Übersetzung, die in weiten Teilen einfach nur als lieblos und stellenweise sogar wie ein grober Angriff auf die englische und die deutsche Sprache gleichermaßen wirkt. Bei Formulierungen wie z.B. ”Ich nehme dein Wort dafür”, wo selbst ein halbwegs cleverer deutscher Grundschüler im ersten Jahr Englisch ”Ich nehme dich beim Wort” übersetzen würde, sträuben sich einem die Nacken- und auch sämtliche anderen Haare.
 
Wie bereits angedeutet: Allein Zahns Gespür für die Komposition beeindruckender Einzelhandlungen rettet den Roman in den oberen Durchschnitt, auch wenn das Gesamtkonzept nicht überzeugen kann. Es wäre für den deutschsprachigen Leser schlüssiger, wenn der Roman ”Outbound Flight”, der die Anfänge des Extragalaktischen Flugprojekts beleuchtet – und überdies auch für sich allein stehend eher überzeugen kann als der thematische Nachfolger – bereits in Übersetzung vorliegen würde, was leider noch nicht der Fall ist (voraussichtlicher Termin: April 2008, ”Die Kundschafter”). Gerade die emotionalen Beziehungen zwischen einigen wichtigen Figuren dürften dadurch im Dunkeln bleiben, was der Geschichte natürlich ebenfalls nicht gut tut.
Langfristig gesehen werden allerdings auch ohne dieses Wissen Konstellationen aufgebaut, die für spätere Ereignisse auf dem Zeitstrahl des Expanded Universe nicht unwichtig sind oder sogar Geschichten versprechen, die noch nicht geschrieben sind, aber Lücken interessant schließen könnten. Die Möglichkeiten der Interaktion zwischen der Neuen Republik, den Chiss und dem Imperium wurden im ”Das Erbe der Jedi-Ritter”-Zyklus eher vernachlässigt, doch hier schöpft man Hoffnung, dass sich dies auch im Sektor der Romane wieder ändern wird.

Martin Hoyer, 28.05.2007