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Rubrik: Comic

Marvel Paperback (4): House of M

Brian Michael Bendis, Oliver Coipel u.a.
Panini Comics
ISBN 978-3-86607-406-4
204 Seiten
EUR 19,95

Titelbild: Marvel Paperback (4): House of M

Wanda Maximoff, besser bekannt als Scarlett Witch, Tochter Magnetos, einst Schurkin, dann Rächerin und vor allem realitätsverändernde Mutantin, ist der Schlüsselcharakter der Storyline ”House of M”. Die acht Hefte der US-Miniserie sind hier alle in einem Paperback-Band vereint, sodass Superhelden-Fans das für das Marvel-Universum umwälzende Ereignis praktisch in einem Stück bekommen können. Besonders interessant ist das für Neueinsteiger, denn langjährige Marvel-Kenner haben ”House of M” vermutlich schon Mitte 2006 in einer vier Hefte langen Panini-Serie erlebt.
 
Genosha. Scarlett Witch verliert den Verstand und die Kontrolle, ihr Vater Erik Magnus Lehnsherr und Charles Xavier (Professor X) wollen ihr helfen. Doch die Situation erscheint aussichtslos. In New York treffen sich die X-Men und die Neuen Rächer, wo sie einen für viele schweren Entschluss fassen: Wanda muss sterben, um die Realität zu schützen. Doch als sie in Genosha ankommen, wurde Scarlet Witch von ihrem Bruder Pietro (Quicksilver) zu einem verzweifelten Akt überredet. Die Welt wird weiß ...
 
House of M. Die perfekte Welt Magnetos, in der Mutanten herrschen – mit seiner Familie Magnus an der Spitze. Viele haben ein ganz anderes, glückliches Leben: Emma Frost und Scott Summers (Cyclops) sind glücklich verheiratet, Carol Danvers ist die beliebteste Superheldin der Welt, Clint Barton (Hawkeye) lebt und Mystique eine Topagentin bei S.H.I.E.L.D.. Doch ihr Liebhaber James – Wolverine — erinnert sich an alles, an eine andere Welt, und macht sich auf, die Wahrheit zu suchen. Er trifft auf Lukas Cage, der eine Untergrundbewegung anführt und geneigt ist, Wolverine zu glauben. Grund dafür ist die junge Mutantin Layla Miller. Sie hat die Fähigkeit, anderen die Erinnerung an die reale Welt wiederzugeben.
 
Die Rebellen sind überzeugt, dass Magneto seine Tochter zur Veränderung der Realität getrieben hat und beginnen, Rächer und X-Men zusammenzusammeln. Ein Angriff auf das Haus von Magnus in Genosha soll irgendwie die Wirklichkeit wieder richten. Doch das klappt nicht ganz wie geplant, denn eine frustrierte, verzweifelte Wanda gibt den Satz ”Daddy ... nie mehr Mutanten” von sich.
 
”House of M” beginnt schon stark mit der Charakterisierung verschiedener Figuren rund um die Frage, ob Wanda sterben soll. Der mächtige Magneto ist hilflos, ja, gebrochen und ohne Plan, was er tun soll. Quicksilver ist zum äußersten bereit, seine Schwester zu schützen. Captain America Steve Rogers meint, dass es immer einen anderen Weg gibt, während besonders Wolverine nur noch eine Lösung sieht.
 
Auch in der alternativen Realität geht es stark weiter. So hat etwa Hawkeye tatsächlich – wie erfrischend für das Superheldengenre! – Probleme mit dem Gedanken, dass er eigentlich tot sein sollte. Besonders Spider-Woman Jessica Drew, die es in der normalen Realität als Dreifachagentin nicht gerade leicht hat, hinterfragt, ob die Welt, in der zumindest die meisten der Helden glücklich scheinen, nicht vielleicht doch etwas Gutes ist. Magneto wiederum leidet still unter dem einen Opfer, dass die perfekte Welt ermöglicht zu haben scheint – seinem besten Freund. Damit stellt Bendis Charaktere konsistent mit ihrer normalen Charakterisierung und auch logisch schlüssig dar.
 
Sehr groß ist auch der Stellenwert von ”House of M” als Erzählung, die den Status quo des Marvel-Universums verändert. Wandas verzweifelter Satz hat wahrlich weitreichende Konsequenzen für die Mutanten, wie Emma Frost mit dem Computer Cerebra feststellt. Auch Magneto ist unter jenen, deren Leben sich dadurch verändert. Ein einst auch für sich selbst mysteriöser Held erinnert sich an alles, sein ganzes Leben.
 
Ein leichter Haken an ”House of M” ist, dass trotz an sich abgeschlossener Geschichte ein wenig Marvel-Vorbildung wirklich nützlich ist. Die Bedeutung von Jessicas Aussagen etwa ist andernfalls praktisch nicht einzuordnen und Gelegenheitsleser könnten sich leicht wundern, wer Magnetos drittes Kind Lorna ist. Im Kontext der Serie ausreichend zu erklären wäre das kaum, da es nicht annähernd so einfach ist wie bei Hawkeye. Der war tot und lebt jetzt wieder, beides dank Wanda – und was sich derart in einem Satz zusammenfassen lässt, geht aus der Serie doch klar genug hervor.
 
Ich kritisiere ja gerne deutsche Übersetzungen, also muss ich bei diesem Sammelband sagen: Okay, Panini kann es auch so richtig gut machen. Um Ehre zukommen zu lassen, wem Ehre gebührt, der Übersetzer in diesem Fall ist Michael Strittmatter. Weiter so – wenn es sprachlich weniger holpert, können deutsche Comic-Versionen leichter neue Freunde finden.
 
Was es natürlich auch braucht, um ein wirklich gutes Comic zu machen, ist eine entsprechende Optik. Und de hat Oliver Coipel geliefert – von einem gebrochenen Erik Magnus in einem desolaten Genosha über eine strahlende Carol Denvers und einen eher wütenden Wolverine bis hin zu einer verzweifelten Emma Frost, er trifft sie alle.
 
Kurzum: Diese Storyline ist insgesamt verdammt gut gelungen und jedem Marvel-Fan ans Herz zu legen, der die Miniserie nicht schon im Heftformat mitbekommen hat. Als in sich abgeschlossene Geschichte mit für das Marvel-Universum sehr wichtigen Auswirkungen ist ”House of M” dabei auch für Einsteiger interessant, obwohl sie nicht alle Nuancen der Geschichte verstehen können.

Thomas Pichler, 22.04.2008