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Rubrik: Belletristik

Omar, der Geschichtenhändler

Dave Duncan
Otherworld
ISBN 3-9502185-2-1
478 Seiten
EUR 24,95

Titelbild: Omar, der Geschichtenhändler

Omar gehört zu jenen Individuen, die plötzlich am richtigen Ort zur richtigen Zeit sind. Er selbst bezeichnet sich als jemand, der ”bezeugen” soll, wenn irgendetwas außergewöhnliches geschieht. Doch weite Teile seiner eigenen Geschichte — nun, er dehnt die Wahrheit gern auch einmal ein wenig.
 
Doch damit hatte selbst Omar nicht wirklich gerechnet: Als er sich der bisher unbesiegten Stadt Zanadon nähert, läuft er ausgerechnet einem Wachtrupp in die Arme. So weit, so gut, doch dass er dann versklavt werden soll ... nun, das behagt dem Geschichtenhändler gar nicht. Doch was soll er tun?
Bald aber erfährt er, daß es mit seinem Sklaventum eine besondere Bewandtnis hat, denn Omar ist ausersehen, Zeuge von etwas unvergleichbarem zu werden ...
 
Jahre später kehrt Omar vollkommen entkräftet mitten in einem grauenvollen Schneesturm in die ”Jägerschänke” ein. Doch leider hat der Wirt noch ein besonderes Hühnchen mit ihm zu rupfen, war es doch der Geschichtenhändler, der bereits einmal die Zeche geprellt hat.
Eine alte Frau, die zu Gast ist, kommt ihm zu Hilfe und bietet einen besonderen Handel: Einen Wettstreit, um die kalte Winternacht zu vergessen. Omar soll gegen jeden, der möchte, antreten und seine Geschichten sprechen lassen. Doch die Geschichten, die vorgetragen werden, zielen auf etwas ganz bestimmtes. Etwas, das auch Omars Geheimnis lüften könnte ...
 
Dave Duncan zählt seit Jahren zu den bekannten Fantasy-Autoren des englischsprachigen Raumes. In Deutschland sind ebenfalls eine Reihe seiner Romane übersetzt und verlegt worden, wenn auch nicht alle — wie man jetzt erfährt.
Als Autor des ... Nun, des etwas gepflegteren Witzes dürfte Duncan auch nicht wirklich für die breite Masse der Leser bestimmt sein, erinnern seine Romane doch eher an augenzwinkernde Werke eines gewissen Italieners, der mit seinem ”Baudolino” die Literaturwelt zum Kochen brachte. Duncan haut nicht mit der Bratpfanne zu — er lässt zuschlagen.
 
So ist es ein wahres Vergnügen, wieder einmal Neues aus der doch recht spitzen Feder dieses Schriftstellers zu lesen. ”Omar, der Geschichtenhändler” beinhaltet zwei Romane um eben jene geheimnisvolle Person (auch Homer genannt), die immer wieder aus den Tiefen der Zeit auftaucht, um bei wichtigen Ereignissen zugegen zu sein. Wer und was Omar wirklich ist, lässt Duncan wohlweislich offen und dem Leser damit die Möglichkeit, sich sein eigenes Urteil zu bilden. Dabei aber weist er auch recht offen auf das hin, was sich möglicherweise in dieser Figur verbergen könnte.
 
Ist der erste Roman ”Die Straße der Plünderer” noch in bester Baudolino-Manier geschrieben, mit viel Witz und ausufernden, über alle Maßen höflichen Erklärungen der Schandtaten des Helden, so handelt es sich bei der ”Jägerschänke” um etwas vollkommen anderes, denn dort tritt der Held wirklich in die Rolle des Zeugen und Chronisten, der am Ende sogar um einiges mehr weiß als die anderen Anwesenden. Dabei schwebt aber auch immer noch die ”Offenbarung” aus dem Vorgängerroman über Omar. Ist er es, oder ist er es nicht?
 
Der kleine Verlag ”Otherworld” hat sich dieser Perle der Fantasy-Literatur angenommen und dem deutschsprachigen Raum zugänglich gemacht. Was präsentiert wird, ist wirklich eine erstaunliche Wundertüte: Gebunden, mit Schutzumschlag und Lesebändchen, einem hochwertigen Farbcover mit Reliefdruck und zwei wunderbaren Grafiken im Inneren zu Beginn der jeweiligen Romane. Und das alles für einen relativ günstigen Preis bei der doch nicht geringen Dicke des Buches.
Einziger Nachteil — der aber auch zum Vorteil gereichen kann — ist die enge und recht kleine Schrift. Sicher, man kann argumentieren, dass man mehr Buch für sein Geld bekommt. Andererseits aber fällt es stellenweise doch recht schwer, sich ohne Lesehilfe zum Zeilenabdecken zurechtzufinden. Viel zu hoch ist die Gefahr, plötzlich in den Zeilen zu rutschen. Mehr Seiten, und damit sicherlich auch ein höherer Preis, wären vielleicht wirklich eine Alternative gewesen.
 
Dennoch aber bleibt am Ende der Eindruck eines hervorragenden Buches, das man genießen sollte wie alten, schweren Wein — schlückchenweise in entspannter Atmosphäre an ruhigen Abenden. Eine eindeutige Bereicherung für die deutsche Fantasy-Welt.
 
Fünf von fünf möglichen Punkten für dieses hervorragende Buch.

Ramona Schroller, 10.08.2007