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Rubrik: Comic

Y - The Last Man (1): Entmannt

Brian K. Vaughan, Pia Guerra, José Marzán Jr.
Vertigo / Panini Comics
ISBN 978-3-86607-352
128 Seiten
EUR 14,95

Titelbild: Y - The Last Man (1): Entmannt

Ach, armer Yorick! — Ich kannte ihn, Horatio; ein Bursch von unendlichem Humor, voll von den herrlichsten Einfällen. [...] Wo sind nun deine Schwänke? Deine Sprünge? Deine Lieder, deine Blitze von Lustigkeit, wobei die ganze Tafel in Lachen ausbrach? Ist jetzt keiner da, der sich über dein eigenes Grinsen aufhielte? Alles weggeschrumpft?
(William Shakespeare: Hamlet; 5. Akt, 1. Szene)
 
Yorick, der Protagonist von ”Y – The Last Man” hat, wie sein namengebendes Vorbild, inzwischen wenig Grund zu lachen, denn auch ihm das dankbare Publikum abhanden gekommen. Zwar lebt er und erfreut sich bester Gesundheit, doch das ist im Grunde das Problem: Er und sein Haustier, ein Kapuziner-Äffchen, sind augenscheinlich die letzten lebenden männlichen Wesen und müssen sich in einer Welt zurechtfinden, in der er zum Spielball der Interessen wird. Nicht, dass er sich vor der großen Katastrophe sonderlich gut zurechtgefunden hätte, doch immerhin hat er nun klare Ziele vor Augen: Überleben, das Schicksal seiner Freundin ergründen, von der er zuletzt aus ihrem Urlaub im australischen Outback hörte, Ursache und eventuell eine Lösung der Katastrophe finden und – Verantwortung übernehmen.
Dass die Mutter Yoricks eine Abgeordnete des Kongresses ist und nach dem Tod aller Männer laut US-Verfassung in das höchste Amt der Vereinigten Staaten rutscht, bringt eher Probleme mit sich, als dass es Mittel zur Lösung bereitstellt, denn nun muss man sich mit den Gattinnen toter republikanischer Politiker herumschlagen, welche die Ämter ihrer Ehemänner erben wollen und auch vor Gewaltanwendung nicht zurückschrecken. Die Menagerie wir ergänzt durch eine Sekte militant-feministischer Amazonen, Ex-Models bei der hygienedienstlichen Leichenbeseitigung und Soldatinnen der israelischen Armee auf geheimer Mission.
 
Wie man unschwer heraus liest, ist diese Graphic Novel weniger ein Endzeit-Actionkracher als vielmehr die Bühne für allerlei groteske Situationen, die der gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Situation den Spiegel vorhält und etliche Aspekte der Gender-Debatte ins Absurde steigert. Trotzdem ist das Ganze keine Parade von krampfhaft um Humor bemühten Bezügen zum aktuellen Weltgeschehen. Die Geschichte von Brian K. Vaughan ist trotz der zahlreichen Personen, Schauplätze, Begebenheiten und zahlreicher Rückblenden grundsolide konzipiert, lässt es nicht an Dramatik und Spannung fehlen und wirkt an keiner Stelle verwirrend oder mit der heißen Nadel gestrickt. Jedes verwendete Klischee – und davon gibt es etliche – erfüllt einen Zweck und führt sich selbst ad absurdum, bevor es zu Ballast werden kann.
 
Die visuelle Umsetzung durch Pia Guerra wird durch klare Linien und saubere Übergänge geprägt, wodurch viele Kontraste erst durch José Marzán Jr. Geprägt werden, der sich für die Tusche verantwortlich zeichnet. Auch die Kolorierung ist eher zweckmäßig als auffällig und die ganze Gestaltung somit eher funktional. Sie drängt sich gegenüber der Geschichte nicht in den Vordergrund. Eine Ausnahme stellen die Titelbilder dar, die als detaillierte Aquarelle im liebevoll erstellten Retro-Look propagandistischer Poster ins Auge fallen und eine durchaus passende ”Duck & Cover”-Stimmung aufkommen lassen.
 
Obwohl bei himmelhoch gelobten Comic-Importen häufig Vorsicht geboten ist, kann man sich hier den Lobeshymnen nur anschließen: Schon der erste Band der Reihe erfüllt alle Qualitätskriterien und weckt frohe Erwartung auf die Fortsetzungen.

Martin Hoyer, 27.03.2007