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Rubrik: Sachbuch

Professor Untat

Uwe Kamenz, Martin Wehrle
Econ
ISBN 978-3-430-20018-9
282 Seiten
EUR 18,00

Titelbild: Professor Untat

Darf ich vorstellen, ich bin Professor Untat, nicht zu verwechseln mit Professor Tat. Ich drücke mich sooft es geht vor der leidigen Arbeit in meiner Uni, zu meinen Seminaren und Vorlesungen komme ich regelmäßig zu spät oder auch gar nicht. Neben meiner anstrengenden Arbeit als Uniprofessor bin ich ab und an oder regelmäßig, das können auch mal zwei bis drei Tage die Woche sein in der Wirtschaft tätig, als Gutachter oder Berater von Firmen, die mich angemessen dafür honorieren. Für den ein oder anderen guten Bekannten in der Industrie kann ich auch mal meine Forschungsergebnisse fälschen, falls ich überhaupt Zeit zum Forschen habe, so vielbeschäftigt bin ich. Ein Student, der etwas von mir will, steht natürlich an letzter Stelle. Liebe Studenten, bitte schickt doch eure Anfragen an die folgende Adresse aber nur Montags zwischen 5 bis 6 Uhr. Falls ich nicht erreichbar bin stehen euch ansonsten noch meine zahlreichen Assistenten und Doktoranden jederzeit zur Verfügung, falls sie grad nichts für mich vorbereiten müssen.
 
Um diese Spezies von Akademikern geht es in dem Buch von Uwe Kamenz, selbst Professor an einer deutschen Fachschule und Martin Wehrle, Wirtschafts-Journalist und vormals selbst als Führungskraft in der Wirtschaft tätig. Zusammen meinen sie erkannt zu haben, woran die Hochschulbildung hierzulande krankt: Es ist nicht nur der faule Langzeitstudent oder das immer knapper werdende Budget der Bildungseinrichtungen, sondern maßgeblich der Professor Untat, der in vielfacher Inkarnation die Hochschulen unsicher – oder vielmehr ineffizient – macht.
Dass es den Professoren zu gut geht, das ist erst vor kurzem dem Einen oder Anderen klar geworden. Der Professor hat nämlich in Gegensatz zu den Lehrern einen ausgezeichneten Ruf, er gilt als authentisch, unabhängig und fleißig.
 
Die Eröffnung des Internet-Portals MeinProf.de zeigt jedoch, das es solche und solche Professoren gibt. Da sind die engagierten, die den Studenten etwas beibringen wollen und die untätigen, die sich auf Staatskosten ein angenehmes Leben machen. Bei MeinProf.de können Studenten die Seminare und Vorlesungen sowie ihre Profs bewerten. Ist das Seminar empfehlenswert oder wirkt es eher einschläfernd, und wie gut kümmert sich der Professor um seine Studenten?
Obwohl vollkommen legal und allenfalls mit statistischer Unbestechlichkeit ehrenrührig, löste die Website allerdings wilde Proteste aus. Zahlreiche Professoren-Bewertungen, manchmal auch die der Riege einer ganzen Hochschule, mussten – zumeist unter Anwendung fadenscheiniger Argumente – komplett von dem Portal gelöscht werden. Das hat letztlich jedoch nur dazu beigetragen, die Popularität der Site zu steigern.
 
Das Buch ”Professor Untat” könnte noch viel populärer werden. Es ist brillant recherchiert, interessant geschrieben, sauber gegliedert und sarkastisch, ohne polemisch zu sein. Es zeigt Ursachen auf und bietet Lösungsmöglichkeiten der Misere in einem 10-Punkte-Plan an. Was nach nüchterner und staubtrockener Analyse klingt, wird durch augenzwinkernde Beschreibungen der Unterarten des Professor Untat aufgelockert. Da ist die Rede von falschen Professoren, faulen Professoren, Minutenprofs, dem Professor Gnadenlos, dem Professor Holiday oder dem Atom-Professor.
 
Kurz gesagt, das Buch ist von hinten bis vorne gelungen, interessant und wichtig für jedermann und besonders vermutlich faszinierend für Studenten, die sich ab und an fragen, was die Lichtgestalten auf der schlauen Seite des Pults eigentlich den lieben langen Tag treiben, wenn sie gerade keine Vorlesungen abhalten – oder diese, obwohl angekündigt, gar nicht oder nur offenkundig lustlos präsentieren.

Antje Konopka, 07.05.2007