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Rubrik: Comic

Annihilation (1)

K. Giffen, D. Abnett, A. Lanning, A. Olivetti, K. Walker
Marvel / Panini Comics
148 Seiten
EUR 16,95

Titelbild: Annihilation (1)

Auch wenn sich inzwischen die bittersüße Tradition von Crossovers wieder eingebürgert hat und deshalb in den großen Comic-Universen von Marvel und DC kein Jahr ein Stein auf dem anderen bleibt, hat sich doch im Vergleich zur guten alten Zeit etwas geändert:
 
Während es früher in Miniserien wie ”Infinity Gauntlet” mitunter um das gesamte Universum und dessen Existenz ging, um kosmische Mächte jenseits allen, was man sich in mehr als vier Farben vorstellen kann, wird zumindest in den neuen Marvel-Crossovers viel eher Nabelschau betrieben – wenn auch auf epischen Niveau. Die Erde steht im Mittelpunkt und mit ihr zumindest in ihrer die Gefühlswelt menschliche Wesen.
Das liegt ganz pragmatisch daran, dass die Leser einfach Helden schätzen, zu denen sich eine gewisse emotionale Verbindung herstellen lässt.
 
Wer im Gegensatz dazu den Großteil seiner Heldenzeit damit verbringt mit allegorischen Sinnbildern wie ”Death” oder ”Eternity” abzuhängen, entfremdet gleichzeitig die Leser. Und dass sie entfremdet werden, kann ihnen keiner verübeln, denn nur die wenigsten Autoren besitzen wie etwa Neil Gaiman in ”Sandman” die Gabe Personifikationen abstrakter Konzepte interessant anstatt nur schwülstig oder gar trashig-peinlich umzusetzen.
 
”Annihilation” ist ein kontemporärer Gegenentwurf Marvels zu den erdgebundenen Epen. Und soviel sei schon verraten: das erste von vier zu erwartenden Trade Paperback zeigt auf, warum eine kosmische Saga leicht zu einem äußerst schwierigen Balanceakt wird. Auf den 148 Seiten wird einiges richtig gemacht und anderes falsch.
 
Aber schön der Reihe nach: das komplette Annihilation-Epos wird sich – wie erwähnt – über vier deutschsprachige Sammelbände erstrecken, die fünf amerikanische Serien enthalten sollen.
Das hier besprochene erste Paperback – im gewohnter Panini-Erscheinungsbild – enthält neben einem Prolog die komplette vierteilige ”Annihilation: Nova”-Miniserie.
 
Nova, der wohl zu den obskureren Marvelhelden gezählt werden kann, entspricht ziemlich genau der Blaupause (oder sollte man in diesem Fall mit Verweis auf Green Latern Grünpause sagen?) des kosmischen Helden. Als Erdling wird er mehr oder weniger zufällig mit kosmischen Kräften ausgestattet und dient in der Folge im Nova-Corps, einer intergalaktischen Polizeitruppe.
 
Schon im Prolog wird dieser Verein aber ziemlich umgekrempelt – um nicht zuviel zu verraten – und Nova kommt in eine ziemliche Ausnahmesituation. Die restlichen vier enthaltenen Comics lang zieht er durchs Weltall, um einer kosmischen Bedrohung zu trotzen und trifft illustre Verbündete wie Quasar und Drax den Zerstörer.
 
Wir erfahren zwar gleich auf der ersten Seite, dass Thanos seine lila Finger im Spiel (und Death an der Hand) hat, aber was es damit genau auf sich hat, wird auf den 148 Seiten natürlich noch nicht geklärt. Genauso kurz ist der Auftritt des Silver Surfers, der in den Folgebänden, durchaus öfters im Mittelpunkt stehen wird.
 
Unabhängig von diesen Kurzauftritten marvelscher Prominenz darf der Leser bald ein ziemliches Feuerwerk beobachten und schon an dieser Stelle offenbart sich eines der größten Probleme des Bandes und kosmischer Storys generell: wir werden mit Zerstörung solcher Größenordnung konfrontiert, dass man es sich als Leser kaum mehr vorstellen kann. In diesem Fall ist es sicher auch ein Problem des Zeichners, der es besonders im Prolog kaum versteht, Tiefe und gewaltige Dimensionen bildhaft darzustellen. Und so begeht die Story eher eine verunglückte Beingrätsche denn einen Spagat zwischen Charakteren, in die man sich hineinversetzen kann, um die Geschehnisse emotional nachzuvollziehen und kosmischer Statistik, die bei geschicktem Einsatz ja durchaus auch dazu in der Lage ist, mit Hilfe des vielzitierten sense of wonders zu fesseln.
 
Da dies aber nicht gelingt, bleibt der Leser zu Beginn von der Story distanziert und reiht diese einfach in die Reihe ähnlicher Geschichten und Geschehnisse ein, die er im Laufe seiner persönlichen Comic-Sozialisation verfolgt hat. Nova ist auf den ersten Seiten einfach ein zu schwacher – im Sinne von wenig fesselnder – Held als dass er ohne Exposition Tiefgang erreichen kann. Genauso taugt er kaum als Vehikel für eine Story, die eher auf deskriptiver oder enzyklopädischer Ebene überzeugen will, als Mitgefühl zu wecken.
 
Nach dem eher schwachen Einstieg, kann die Lage aber zum Glück nachmals herum gerissen werden. Nämlich von Drax dem Zerstörer und seiner menschlichen Begleitung. Sobald die beiden das zweite Mal auftreten, fliegen Witze (und manchmal beinahe Klamauk) im Stile von Peter David, der ja mit seiner Version von Hulk und Captain Marvel einen – bis zum Erscheinen von Annihilation – unnachahmlichen Stil entwickelte.
 
Was man im ersten Moment als unpassend für eine Story dieser kosmischen Größenordnung halten könnte, wird zu einer soliden Grundlage, auf der sich die intergalaktischen Verhältnisse entfalten. Besagte Begleiterin Drax´, Cammi, ermöglicht Nova den menschlichen Aspekt seiner Persönlichkeit auszuspielen und während die unterschiedlichen Charaktere dadurch eine gewisse exzentrische Note bekommen, benutzen sie einander als Sprungbrett, das zu Beginn des Bandes noch gefehlt hat. ”They play off each other.”, wie man im Englischen wohl sagen würde.
 
Durch die Vermenschlichung der Protagonisten tritt auch der Effekt, dass die Geschehnisse nicht mehr reine Zahlenspielerei sind, sondern als beinahe absurdes Theater aufgefasst werden können. Wenn die Größenordnung an diesen Stellen das menschliche Vorstellungsvermögen sprengt, gibt sich die Absurdität plötzlich als großer Gleichmacher. Wahrscheinlich ist das sogar im Sinne von Marvels Interpretation von ”Death”. Nur überkritischen Leser wird sauer aufstoßen, dass ohne das Vorhandensein eines Unwahrscheinlichkeitsantriebs Douglas Adams´scher Prägung, die kosmische Lotterie doch sehr strapaziert wird.
 
Dass bei Abermilliarden von galaktischen Todesfällen am Ende gerade drei Menschen – Nova, Quasar, Cammi – und ein Außerirdische, der ebenfalls aus dem Sonnensystem stammt (Drax) übrig bleiben, wirkt ein wenig unwahrscheinlich. Aber vielleicht wird ja eben dieser Sachverhalt im Laufe der drei weiteren Paperbacks noch geklärt. Und wie man hört, wird der Bodycount ja noch weiter ansteigen ...
 
Leider fällt der bereits vorhandene Band gegen Ende der Nova-Miniserie wieder in die schwächeren Erzählmuster des Prologs zurück. So wird der Tod eines Helden eher ungeschickt dargestellt und anstatt Verbindungen zum eigenen Empfinden steht für den Leser erneut die reine Statistikführung beziehungsweise die inzwischen zum Genrestandard verkommene Verweissuche des nostalgischen Comic-Sammlers im Vordergrund.
 
Insgesamt erweist sich Band Eins der deutschsprachigen Annihilation-Reihe dank der wechselnden Qualität eher als informative denn mitreißende Lektüre. Man lehrt wie und epische Comics funktionieren – oder eben nicht. Da sich kosmische Storys in letzter Zeit aber ohnehin rar machen, sei der Band trotzdem jedem Freund eines vierfarbigen Sternenhimmels empfohlen.
 
Dass wieder einmal nicht alle Zeichner im Heft angeführt werden, ist inzwischen bei Panini Deutschland ja leider schon Standard.

Jörg Pacher, 05.04.2007