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Rubrik: Sachbuch

Zensierte Bücher

Frank Schäfer
area
ISBN 3-89996-800-X
400 Seiten
EUR 9,95

Titelbild: Zensierte Bücher

Der 5. Artikel des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland besagt: ”(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt. (2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre. (3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.
 
Bei allem Respekt und aller Liebe zum Grundgesetz kommt man nicht umhin, solchen Gummi-Formulierungen schmunzelnd zu begegnen und sie frei mit ”Eine Zensur findet nicht statt, außer doch.” zu übersetzen. Dies und die immer wieder und zuweilen sehr lautstark geführten Debatten zum Thema zeigen, wie sehr man hierzulande noch zwischen Liberalität und Regulierung, zwischen Erwartung und Notwendigkeit hin- und her gerissen ist; wie in den Köpfen das Erbe stürmend-drängender Freigeister gegen das (nicht nur) preußischer Ordnungsliebe kämpft. Die Notwendigkeit des Konsens, des Mittelweges, ist unumstritten, aber ihn zu finden äußert sich als ständiger Kampf.
 
Dieser Kampf ist so alt wie die Geschichte der Publikation, und es erscheint nicht unglaubwürdig, wenn einige Experten der Urgeschichte meinen, dass schon die Höhlenmalereien unserer Altvorderen Opfer von Zeitgenossen wurden, die der Ansicht waren, dass bestimmte Aussagen und Inhalte einfach nicht für jedermann sichtbar auf Fels prangen dürfen.
Die Fronten sind dabei ebenso unklar, denn die Zensoren von gestern sind Zensierten von heute und vice versa. Was gestern noch erlaubt oder zensiert war, ist heute zensiert oder erlaubt, und wenn nicht hier, dann woanders.
 
Einen lohnenden Überblick dokumentierter, also auch erschließbarer Zensurgeschichte liefert ”Zensierte Bücher” von Frank Schäfer, welches im area verlag als gebundene Erstausgabe erschienen ist. ”Verbotene Literatur von Fanny Hill bis American Psycho” lautet der Untertitel des Buches, welcher bereits hinlänglich präzisiert, was den Leser erwartet.
An keiner Stelle nüchtern, zuweilen sogar augenzwinkernd, gelegentlich polemisch, aber immer sympathisch und erfrischend ehrlich liefert Schäfer einen ausgewählten Überblick über literarische Werke, welche einer Zensur für würdig befunden wurden. Die Essays behandeln dabei nicht nur die offiziellen Begründungen für die stattgefundene Zensur, sondern wagen auch den Blick hinter die gesellschaftlichen Kulissen, hinter denen sich dann auch gänzlich andere Beweggründe verbergen können.
Den aus heutiger Sicht bisweilen absurden Abläufen, die der Zensur voran gingen und – was noch interessanter ist – hier nachfolgten, wird viel Platz eingeräumt. So erfährt man, dass schon ein Mark Twain die verkaufsfördernden Aspekte zu schätzen wusste, die mit einer Nicht-Anerkennung oder eben Zensur von allerhöchsten Stellen einher gingen, oder dass Juristen zu einer gewissen Ungelenkigkeit neigen, wenn es darum geht, etwas festzulegen, was für den Otto-Normal-Leser schon immer unumstritten war. Gerade das Thema des Jugendschutzes, welches durch die berechtigterweise schon wieder abflauende Debatte um so genannte ”Killerspiele”kürzlich ins Rampenlicht gerückt wurde, lieferte schon immer Stoff für hanebüchene Anekdoten, die Schäfer – und so ehrlich muss man sein – mit offenkundigem Genuss als Realsatire darstellt. Die bereits erwähnte Polemik kommt hier besonders zum Tragen, ist aber verzeihlich, denn zwar bekommt nicht jedes Buch die Kritiker, die es verdient, aber jeder Kritiker die Gegner, die er sich sucht.
 
In diesem Sinne muss das Motto des vorliegenden Buches lauten: Lesen, lernen, Spaß haben. Der Spaß ist harmlos, der Rest kann nicht schaden. Wer sich dieses Buch erst zulegen will, wenn es zensiert oder zumindest indiziert ist, versäumt etwas.

Martin Hoyer, 26.04.2007