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Rubrik: Sachbuch

Wie klein ist klein?

Kenneth W. Ford
Ullstein
ISBN 9783550087158
400 Seiten
EUR 19,90

Titelbild: Wie klein ist klein?

Noch vor gut einhundert Jahren war das Reich der Physik geradezu anheimelnd überschaubar. Für die normale Alltagswelt hatte bereits der Wissenschafts-Urvater Isaac Newton scheinbar unumstößliche Theoreme aufgestellt, und in der Sphäre der Elementarteilchen hatte man eine Vorstellung vom grundlegenden Aufbau der Atome.
Diese Idylle fand mit dem Aufkommen der Quantentheorie ein jähes Ende; nach bahnbrechenden Forschungsergebnissen ihrer Begründer wie etwa Max Planck oder Erwin Schrödinger setzte sich das Quantenkonzept seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts durch und wird bis zum heutigen Tag weiterentwickelt.
 
Diesen Forschungen nun hat Kenneth W. Ford eine Monographie mit dem Titel ”Wie Klein ist Klein” gewidmet. Der Untertitel verspricht — offenbar in Anlehnung an Stephen Hawking — ”Eine kurze Geschichte der Quanten” zu sein. Ein täuschender Untertitel, denn obwohl sich Ford an ein breiteres Publikum wendet, geht seine Darstellung durchaus in die Details. Als ehemaliger Hochschullehrer und Direktor des amerikanischen Institute of Physics kennt Ford im wahrsten Sinne des Wortes die Materie, über die er schreibt.
 
Dabei vertritt Ford in seinen Ausführungen den typisch amerikanischen Stil wissenschaftlicher Darstellung, der von seiner gelungenen Didaktik lebt. Er verpackt die Vorgänge in der Quantenwelt immer wieder in anschauliche Bilder, entwirft erstaunliche Metaphern, um die an sich unbegreiflichen Vorgänge fassbarer zu machen.
Es ist die Quintessenz der Quantentheorie, die sie so aufregend macht: alles ist wahrscheinlich, wenig ist kausal, Ursache und Wirkung werden in der atomaren Welt auf den Kopf gestellt. Beunruhigende Aspekte, die noch Albert Einstein darauf beharren ließen, das Gott ”nicht würfelt”.
 
In zehn großen Kapiteln bringt Ford auch solche bekannten Zitate und nutzt den Raum, den ihm die Fußnoten bieten ganz unorthodox, um aus dem Nähkästchen zu plaudern und so manche Anekdote über berühmte Physikerkollegen einzustreuen. Wer hätte auch gewusst, dass Ernest Rutherford in seinem Laboratorium gerne aus voller Kehle sang oder das Enrico Fermi einen pedantisch genauen Tagesablauf einzuhalten pflegte. Diese Histörchen am Rande der Fakten sorgen denn auch für ein wenig Vermenschlichung des komplexen Stoffes.
Fords Buch verzichtet zudem beinahe komplett auf mathematischen Formalismus, nur einige der ”klassischen” Gleichungen und Formeln, wie die Heisenbergsche Unschärferelation, werden dargestellt. Aufgelockert wird der Text durch zweiundfünzig schwarz-weiß-Abbildungen.
 
Eine besondere Stärke des Buches ist sein reichhaltiger Anhang, in dem Ford sehr ausführlich „Quantenfragen“ quer durch das physikalische Gemüsebeet stellt und die passenden Antworten gleich mitliefert. Wichtige Pioniere der Quantentheorie werden ebenso angeführt wie eine Übersichtstabelle über den heute bekannten, riesigen ”Zoo” an Elementarteilchen. Somit bekommt Fords Werk beinahe den Charakter eines kleinen Lehrbuches; für so manchen Physik-Leistungskurs oder Erstsemestler dürfte Fords Quantengeschichte damit als Zusatzlektüre sehr nutzbringend sein.
Dennoch verlangt eine so spezielle Thematik den Enthusiasmus, in sie eindringen zu wollen- für einen reibungslosen Lektüregenuss ist daher ein Mindestmaß an physikalischem Vorwissen dienlich. Dann erschließt sich dank Kenneth W. Fords lebendiger Darstellung eine mikroskopisch winzige Parallelwelt, die nach Gesetzen funktioniert, die mit dem Alltagsverstand besehen wie reine Science Fiction anmuten.

Christian Sommerer, 14.04.2008