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Rubrik: Belletristik

Sonnensturm

Arthur C. Clarke, Stephen Baxter
Heyne
ISBN 3-453-52125-0
420 Seiten
EUR 13,00

Titelbild: Sonnensturm

Was geschieht, wenn zwei Autoren wie Arthur C. Clarke und Stephen Baxter gemeinschaftlich tätig werden, zeigte bereits ”Die Zeit-Odyssee”, die bestenfalls als heitere Verwurstung hinlänglich bekannter Zeitreiseklischees betrachtet werden kann und historisch versierten SF-Lesern vor allem durch alle paar Seiten auftretende Sachfehler im Gedächtnis geblieben sein dürfte. Dass zu viele Köche den Brei verderben und auch Mathematiker bzw. Physiker besser bei ihren Leisten bleiben sollten, fand darin Bestätigung.
 
Nichtsdestotrotz scheinen die bekannten Namen doch für ganz brauchbare Verkaufszahlen gesorgt zu haben, so dass der Roman mit ”Sonnensturm” gewissermaßen seine Fortsetzung findet – die Einschränkung mache ich deshalb, weil lediglich der große Überbau des Vorgängers eine Brücke schlägt, das Thema ist diesmal ein anderes. Aber ist es auch ein Lohnenderes?
Um es kurz zu machen: Nein, keineswegs. Was heutzutage bestenfalls noch als Katastrophenszenario für B-Movies taugt, wird von zwei Größen der SF-Literatur genussvoll exhumiert und mit Versatzstücken abgeschmeckt, für die sich mittlerweile selbst Neulinge weitestgehend zu schade sind.
 
Ein Schuft, wer hier nicht spoilert: Eine außerirdische Superintelligenz hat die Menschheit schon vor Jahrtausenden als Pest erkannt und unser Zentralgestirn dahingehend manipuliert, zu einem festgesetzten Zeitpunkt mittels heftiger Sonneneruptionen alles Leben auf der Erde auszulöschen. Ein paar wackere Wissenschaftler erkennen dies und initiieren in einem Fünfjahresplan – denn mehr Zeit ist nicht – für einen Schirm im All und Schutzkuppeln auf der Erde, damit die Menschheit die unabwendbare Katastrophe übersteht. Nebenher gurkt noch Bisesa, eine Protagonistin des Vorgängerromans, im Geschehen herum, ohne allerdings für dieses tatsächlich nötig zu sein. Vermutlich sollte damit auch nur eine personale Bindung zum Vorgänger hergestellt werden, damit dies nicht an den armen Außerirdischen hängen bleibt, denen ohnehin schon die undankbare Aufgabe zukommt, mal wieder als Bedrohung herzuhalten.
 
Hanebüchener geht es kaum, und wer nur eine Sekunde überlegt, stellt sich unzählige Fragen, die der Roman nicht oder nur unzulänglich beantwortet. Damit meine ich nicht die physikalischen Details, denn diese werden mit einer Liebe zum Detail abgehandelt, wie man sie angesichts der Autorenkonstellation erwarten darf beziehungsweise erwarten muss. Allein die Motivationen sind an etlichen Stellen höchst unklar, weshalb der ganze Plot im Grunde ziemlich konstruiert und in sich nicht schlüssig wirkt.
 
Dass von Clarke nichts mehr kommt, damit hat man sich als Leser mittlerweile abgefunden. Er hat die SF-Leserschaft über Jahrzehnte mit originellen Ideen begeistert, und es sei ihm verziehen, dass er heute mit solchem Geschwurbel auftritt, um überhaupt noch präsent zu sein. Auch von Baxter ist man Anderes gewohnt, obwohl man sich auch bei ihm des Eindrucks nicht erwehren kann, dass er dringend Geld braucht und erst einmal alles schreibt, aber sich vorbehält, nicht hinter allem zu stehen, was davon seinen Weg auf das unschuldige Weiß von Buchseiten gefunden hat.
 
Fazit: Solange solche Gurken dazu gut sind, Altmeister Clarke im Spiel zu halten und Baxter das Schreiben anspruchsvollerer Arbeiten zu ermöglichen, ist das Geld nicht ganz zum Fenster hinausgeworfen. Man muss das Buch ja nicht lesen, sondern kann es der Vollständigkeit halber im Regal einsortieren oder – das muss der Fairness halber gesagt sein – es zur Bekämpfung von Langeweile lesen und sich vorstellen, es wäre von jemand anders geschrieben. Als Lückenfüller taugt der Roman, aber angesichts der Autoren ist die Erwartungshaltung eine andere.
Wer solche Ansprüche für überzogen hält, möge meine Bewertung im Geiste verbessern.

Martin Hoyer, 24.11.2006