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Rubrik: Sachbuch

Schlaue Kinder, schlechte Schulen

Christian Füller
Droemer Sachbuch
ISBN 978-3-426-27439-2
288 Seiten
EUR 16,95

Titelbild: Schlaue Kinder, schlechte Schulen

Nach der Veröffentlichung der PISA-Bildungsstudie sowie etlicher größerer und kleinerer Nachfolgeuntersuchungen zum Zustand der Schule im Land der Dichter und Denker brach er aus, der berühmte Sturm im Wasserglas. Seitdem hat sich die Bildungsdebatte zu so etwas wie einem perpetuum mobile gewandelt, gespeist durch immer neue Ideen, Einwürfe und vermeintliche Patentrezepte. Egal ob ein gestrenger Altrektor namens Bernhard Bueb ein Loblied auf die Disziplin singt oder Lotte Kühn im heiß umstrittenen „Lehrerhasserbuch“ Dampf ablässt – zum Bildungsdiskurs wollen scheinbar alle ihren Senf dazugeben.
 
In dieses emotional aufgeheizte Debattenklima platzt nun ein wohltuend ausbalanciertes und informiertes Buch des Berliner Bildungsjournalisten Christian Füller mit dem Titel „Schlaue Kinder, schlechte Schulen“. In neun großen Kapiteln durchquert Füller kreuz und quer die deutsche Schullandschaft, blickt von den Gipfeln zu den Niederungen und hinter so manchen Vorhang aus Paragraphenreiterei und bürokratischem Regulierungseifer, der den Schulbetrieb mehr oder weniger gut am Laufen hält.
Füller ist dabei kein journalistischer Schreibtischtäter, der nur reine Faktenhuberei betreiben würde. Nein, er greift mitten hinein ins volle Schulleben, würzt seine Ausführungen mit Recherchen und Szenen aus dem alltäglichen Klassenkrampf. Dabei wird keine Schulform ausgelassen, von den Hochschulen als den Pyramiden des Systems bis hinunter zu den „Katakomben“ der Sonder- und Förderschulen.
Misstände und Kritikwürdiges findet sich dabei auf allen Ebenen. Verständlicherweise legt Füller den Schwerpunkt auf die allgemeinbildenden, weiterführenden Schulen, räumt aber auch den Universitäten in seiner Analyse gebührenden Platz ein. Schließlich ist auch der akademische Arbeitsmarkt alles andere als die „Insel der Glückseligen“, die er in den vergangenen Jahrzehnten noch halbwegs war.
 
Eingestreut in Füllers Betrachtungen finden sich dabei immer wieder historische Exkurse, die den Spruch verständlicher machen, wonach in Deutschland mit einem Schulsystem aus dem 19. Jahrhundert versucht wird, die Wissensgesellschaft von Morgen zu bewältigen. In der Tat widerspiegelt das dreigliedrige Schulwesen die strenge Ständeordnung von anno dunnemals, die jeden an einen festgelegten sozialen und ökonomischen Platz verwies.
Einen Schwerpunkt in seinem Buch legt Füller dementsprechend auf den Selektionsgedanken, welcher dem deutschen Schulsystem immanent ist. Während bereits bei den Grundschülern der Kampf um eine Gymnasialempfehlung immer heftiger tobt, endet für viele Hauptschüler der Ausbildungsweg in einer Sackgasse. Der Tauschwert dieses Abschlusses auf dem Arbeitsmarkt tendiert mittlerweile gegen Null, ganz zu schweigen von jener Problemgruppe, die gänzlich ohne Zertifikat von den Schulen entlassen wird. Natürlich lassen sich krumme Bildungswege in Deutschland auch korrigieren. Korrekturen, die allerdings mit erheblichen zeitlichen, finanziellen und emotionalen Strapazen verbunden sind. Die Konsequenzen verfehlter Schullaufbahnen für den Einzelnen werden bei Füller drastisch herausgearbeitet.
Es bleibt dabei nicht bei der infausten Diagnose — der Autor führt Gegenbeispiele des „neuen Lernens“ an, beschreibt neuartige Schulmodelle und stellt einen sieben Punkte umfassenden Forderungskatalog auf. Von der Entbürokratisierung der Schulverwaltung, der Abschaffung der Hauptschulen oder stärkerer Elternbeteiligung ist da zu lesen – und natürlich auch mehr Geld für bessere Bildung, das hier reklamiert wird.
Christian Füllers aktueller Report aus den Schützengräben der Bildungsfront wird seinen Einschlag sicherlich nicht verfehlen. Mit dem Schlachtruf „Neue Schulen braucht das Land“ kann eine weitere Runde in der deutschen Schuldebatte eingeläutet werden.

Christian Sommerer, 09.04.2008