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Rubrik: Belletristik

Revolution und Filzläuse

Torsten Schulz
Ullstein
ISBN 978-3-550078989
157 Seiten
EUR 18,00

Titelbild: Revolution und Filzläuse

In Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche haben Rückblicke, Erinnerungen und Reflexionen jedweder Art Hochkonjunktur. Dies gilt auch in der Welt der Literatur: ob nun Ingo Schulze „Einfache Geschichten“ aus der ostdeutschen Provinz erzählt oder etwa Wladimir Kaminer Bruchstücke aus der „Schönhauser Allee“ liefert: alle haben sie irgendetwas zu erzählen, allen weht das Gestern und Heute sowie eine gehörige Portion Zeitgeist durch die Seiten.
 
Ganz ähnlich verfährt auch der neue Erzählband von Torsten Schulz mit dem Titel „Revolution und Filzläuse“, die Fortsetzung seines von der Presse gelobten Erstlings „Boxhagener Platz“. In zwölf in sich geschlossenen Kurzgeschichten springt Schulz durch die deutsche Zeitgeschichte, von den späten Dreißigern über den real existierenden Sozialismus bis hinein ins Hier und Heute.
 
Das Figurenspektrum in Schulz’ Geschichtenkosmos ist dabei breit gefächert. Ob renitente Seniorinnen, Altkommunisten auf dem Sterbebett, sexuell verklemmte Jungmänner oder abgewickelte Nachwende-Existenzen, allen gemeinsam ist ihre leichte Verschrobenheit, durch die sie aber wiederum erst recht normal erscheinen. In dieser Dialektik liegt aber auch eine Gefahr, nämlich die des Klischees: so bewegen sich einige Passagen hart an dieser Grenze entlang, stellenweise entsteht der Eindruck des etwas Überkonstruierten und Überstrapazierten.
Dabei ist den Geschichten die Herkunft ihres Autors aus der Filmbranche mitunter deutlich anzumerken. So war Schulz vor seinen Ausflügen in die Belletristik bereits als Dokumentarfilmer unterwegs („Kuba Sigrid“) und lehrt zudem Dramaturgie an der Filmhochschule Babelsberg. Einige Passagen in seinem Band wirken denn auch wie Vorskizzen und Entwürfe für Drehbücher zu späteren Kurzfilmen. Teilweise sehr verdichtet, kondensiert ist sein Blick auf das nackte Geschehen, ein Blick, der aber immer wieder durch subtile Ironie gebrochen wird und damit nicht rein dokumentarisch bleibt.
 
Schulz beherrscht ohne Frage das stilistische und formale Handwerkszeug, er zieht im Rahmen seiner Erzählungen alle Register. Mal wechselt er die Erzählzeiten, mal setzt er den Fokus auf das Narrative, mal auf das Dialogische, fügt einzelne Handlungsstränge zu mitunter überraschenden Hakenschlägen zusammen. Einen roten Faden gibt es dabei nicht wirklich; auffällig ist allerdings die Häufigkeit, mit der in Schulz’ Geschichten gestrandete Väterfiguren auftauchen. Väter, die irgendwie nicht erreichbar sind, weit weg eben.
Die Interpretation dieses „paternalistischen“ Zuges kann dabei wohl dem einzelnen Leser überlassen bleiben. Und natürlich, als Ausgangs- und Bezugspunkt fast aller Handlungen dient wieder einmal (Ost-)Berlin, Berlin als Chronotopos und Nabelpunkt der erlebten Weltsicht, die Kulisse, vor der alle einschneidenden biographischen Eckpunkte der Figuren abgespielt werden. Vielleicht ist aber auch weniger wichtig, was und wo überhaupt erzählt wird; vielmehr reiben sich Geschichten wie die von Schulz am Erlebnishorizont des ganz individuellen Lesers, der vor dieser Folie seinen eigenen Erinnerungsapparat in Gang setzen kann.
 
Alles in allem also ein abwechslungsreiches Erzählbändchen mit Höhen und Tiefen. Wer auf der Suche ist nach unterhaltender, eingängiger und dennoch zum Nachdenken anregender Lektüre, der wird an den zwölf Miniaturen von Torsten Schulz seine Freude haben.

Christian Sommerer, 31.03.2008